Die vielen verschiedenen Schellackpolituren basieren alle auf
dem Lackharz oder Schellack (resina laccae), einer Ablagerung
auf den Zweigen bestimmter Bäume, z.B. Feigen-Spezies,
Croton- und Ficusarten, die auf den Molukken, in Ostindien,
Thailand, Sumatra, und anderen Ländern heimisch sind. Dabei
handelt es sich um das eingetrocknete Sekret verschiedener
parasitärer Lackschildlaus-Arten (carteria lacca, coccus
lacca). Die ungeflügelten Weibchen setzten sich nach der
Befruchtung in großen Mengen auf die Pflanzenzweige (um ein
Kilogramm Schellack zu ernten benötigt man etwa 300.000
Insekten). Sie saugen den Saft der Pflanze, der durch die
Verdauung eine chemische Veränderung erfährt, und wieder
ausgeschieden wird. Das Exkrement wird von den Läusen dazu
verwendet Brutkammern zu bauen, vergleichbar den Bienenwaben,
in die sie ihre Eier ablegen. Die Zweige werden dabei von der
allmählich zu Krusten erstarrenden Harzmasse völlig
eingehüllt. Die Läuse sterben, während sich die Larven von
dem Brutsaft in den Kammern ernähren und diese schließlich
verlassen. Geeignete Bäume werden in Plantagen bewirtschaftet
und zweimal im Jahr geerntet, d.h. die Harzkrusten werden mit
Stöcken von den Zweigen geschlagen, gesammelt und kommen in
rauhen, außen braunen Röhren oder Bruchstücken unter der
Bezeichnung Stocklack (lacca in baculis, bzw. lacca in
ramulis) in den Handel. Der zerkleinerte Stocklack wird durch
Waschen mit Wasser oder verdünnter Sodalösung von einem Teil
seines Farbstoffs befreit, getrocknet, sortiert und ergibt
den Körnerlack (lacca in granis). Aus Stock- bzw. Körnerlack
gewinnt man durch Zerkleinern, Auswaschen des roten
Farbstoffs, Schmelzen und Sieben durch feinmaschige
Metallgitter, Entwachsen und Bleichen mittels chemischer
Zusätze und schließlich Trocken die weiteren Schellacksorten.
Unter den Bezeichnungen Stock-, Körner-, Tafel-, Gummilack,
oder Sortennamen wie Orange, Lemon, Sonne, etc. erhält man
sie in Bruchstücken, Platten, Linsen- oder Plättchenform. Je
nach Art der Insekten, Pflanzen und Verarbeitung haben sie
unterschiedliche chemische Zusammensetzungen (Harze, Wachse,
Öle, Farbstoffe, etc.) Zur Verarbeitung als Politur werden
sie in hochprozentigem Spiritus (Weingeist, Ethanol, Alkohol)
aufgelöst.
Es gibt mehrere Möglichkeiten Schellack auf die Holzfläche zu
bringen. Wie andere Lacke kann man ihn sprühen oder mit dem
Pinsel auftragen. Das traditionelle Verfahren im Gitarrenbau
und das vorteilhafteste ist jedoch die Ballenpolitur. Dabei
wird Schellack in geringer Konzentration und Menge mit einem
kleinen Ballen (bestehend aus einem mit feinem Leinen
umwickelten Wollkern) in kreisenden fließenden Bewegungen
aufgetragen. Viele Durchgänge pro Fläche und lange
Trocknungszeiten sind notwendig, bevor aus unzähligen,
hauchdünnen Schichten eine geschlossene, glänzende Lackfläche
entsteht.
Gegenüber den modernen, meist im Sprühverfahren verarbeiteten
Lacken (Nitrozellulose, Polyester, Acryl, etc.) bietet
Schellack einige Vorteile:
Er kann durch das Ballenpolierverfahren sehr viel dünner
(unter 0,1 mm) und gleichmäßiger aufgetragen werden, und er
ist aufgrund seiner Zusammensetzung (Wachsanteile) flexibler.
Der Lacküberzug kann somit die durch Schwund und Quellen
verursachten Volumen- und Formveränderungen des Holzes
mitmachen, außerdem festigt und unterstützt er die
Deckenschwingung, ohne sie zu behindern.
Ein wesentliches Merkmal der traditionellen Handpolitur ist,
daß je nach Arbeitsstadium unter erheblichem Druck poliert
werden muss. Dadurch werden die Lackpartikel verdichtet und
zu einer Homogenität komprimiert, die durch einen Sprüh- oder
Streichvorgang nicht erreicht werden kann (dort werden die
Partikel nur in einem lockeren Gefüge angelagert), auch der
Verbund zum Holz wird dadurch erhöht.
Wenn der Schellack beschädigt wurde, z.B. bei Rißreparaturen,
kann er meistens mit relativ wenig Aufwand retuschiert und
überpoliert werden, da die bestehende Lacksubstanz wieder
anlösbar ist und sich neue mit alten Lackschichten gut
verbinden.
Auch in seiner Ästhetik, seiner Transparenz und in der
natürlichen Wirkung übertrifft Schellack die synthetischen
Lacke. Erwähnt sei außerdem, daß es sich um ein Naturprodukt
handelt, das ungiftig ist (allerdings nicht die chemisch
verarbeiteten Sorten).
Leider gibt es nicht nur Vorteile. Die Harze und Wachse, die
die Flexibilität des Lackes begünstigen, bedingen eine
größere Wärmeempfindlichkeit (Schmelzpunkt je nach Sorte 60
– 100° C), eine geringere Abrieb- und Kratzfestigkeit
und höhere Säureempfindlichkeit (z. B. gegen die Säure im
Hautschweiß).
Daraus ergeben sich einige Ratschläge zum Umgang mit
Schellack-polierten Instrumenten: Wenn möglich, sollte der
Lack außer am Hals nicht mit der bloßen Haut in Berührung
kommen. Den Hals wischt man nach dem Spielen mit einem
weichen Tuch ab. Man sollte lang anhaltende Erwärmung
vermeiden, z. B. durch Sonnenbestrahlung, Heizkörper oder
andauernde Körperwärme. Am besten legt man zusätzlich zur
Kleidung ein Tuch oder weiches Leder zwischen Körper und
Instrument (siehe auch Pflegetips für Gitarren).
Auch bei großer Sorgfalt und Pflege kann im Abstand von
mehreren Jahren ein Überpolieren notwendig sein, wenn der
Schellack seine Schönheit, seine holzschützende und
klangliche Funktion behalten soll.